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Thomas Elsen
Full Tubes at Full Tilt: Achim Stiermann at the Augsburg Höhmannhaus

Das Feld, in dem er künstlerisch agiert, ist anhand geläufiger Charakterisierungen kaum bestimmbar. Und er selbst lässt sich höchst ungern festlegbaren Kategorien zuordnen. Achim Stiermann arbeitet im Atelier genauso akribisch wie im öffentlichen Raum, er operiert transdisziplinär und als kreativer Experimentator im weitesten Sinn. Sein künstlerisches Handeln bewegt sich zwischen Spontanität und Hartnäckigkeit, Humor und experimenteller Neugier, sowie großer Präzision in der technischen Umsetzung seiner Vorhaben, die sich mit einer spürbaren Lust am Absurden mischt. Dies gilt für wohl alle Medien, die in seinen Projekten bislang Verwendung fanden: Für seine konzeptuelle Malerei und die kinetischen Objekte genauso, wie für die performativen Inszenierun- gen oder das Medium des bewegten Bildes. Stiermanns Ideen-Reservoir scheint noch längst nicht erschöpft, und das Spektrum der Formen, durch die Ideen zu Kunst werden, ist entsprechend groß.

So ließ er im Jahr 2000 in einem Videoloop vier Fußballer in einer immer wieder kehrenden Trainingsübung einen von ihm aus Trinkhalmen zusammengesteckten Tetraeder artistisch kickend in der Luft halten, wodurch eine neue Sportart entstand, das Tet- rahedroning, wie er mit augenzwinkernder Sachlichkeit bemerkt. In dem Video Man OS 1 / Extraordinateur sind die Helden nicht wirkliche Menschen, sondern die personifizierten Funktionen eines Computers, dessen Bildschirm die Kulisse der Handlung ist. Der Prozessor ist hier ein Mensch, der Befehle eines – während der gesamten Handlung nicht sichtbaren – Users entgegennimmt. So werden die Perspektiven von nutzender Person und unterstützender Elektronik umgekehrt, die Unzulänglichkeiten beider Seiten bleiben davon dennoch unberührt. Als ‚Leinwand’, auf der man dieses Video sieht, haben Stiermann und Roland Rauschmeier, mit dem gemeinsam dieses Projekt entstand, sinnfälligerweise einen überdimensionalen Monitor gebaut, der bereits in verschiedenen Ausstellungs- und Festivalkontexten in Wien, Paris, Dresden und Antwerpen zu sehen war.

In Sushiflieger, einem großformatigen Leinwandbild aus dem Jahr 2008, sieht man einen Skispringer, dem – in perfekter Flughal- tung soeben vom Schanzentisch abgehoben – frische Reishäppchen in den weit geöffneten Mund segeln. Ein anderes Konsum- produkt wird wiederum zum Material und Auslöser einer abstrakten Schattenzeichnung. Space Pasta – der Titel ist ebenso ironisch wie präzise – , eine in mehreren Versionen, zuletzt 2008 ausgeführte Installation, lässt den Besucher einen Raum betreten, in dem gekochte und zu einem lockeren Geflecht ineinander verhakte Spaghetti von der Decke hängen. Dieser durch Spots markant beleuchtete Pasta-Teppich wird über einen Elektromotor in Bewegung gehalten und in periodischen Abständen zum Überschlag gebracht, wodurch sich eine faszinierend bewegte, informelle Linienstruktur als kinetische Schattenzeichnung auf der Wand ergibt. Die banale Materialität der gekochten Teigware bewirkt eine sensibel immaterielle Qualität der mit ihnen korrespondierenden Zeichnung auf der Wand.

Ein Beleg dafür, dass es bei Stiermann bisweilen auch einfach nur kurz und bündig zugehen kann, zeigt “Runde Sache” aus dem Jahr 2001: Hier sieht man den Künstler in einem 30-Sekunden-Video einen Schokoriegel der Marke YES vor dem mit dem Kürzel NÖ versehenen Gebäude des Landes Niederösterreich in Wien verspeisen.

Schon dieser kurze Blick auf einige Werkbeispiele zeigt, wie schwierig es ist, Achim Stiermann einer Richtung zuzuordnen. Vielleicht könnte man ihn als einen spielerischen Konzeptualisten bezeichnen. Doch würde ihm auch diese Charakterisierung nur beingt ge- recht, denn mindestens so wichtig wie das Konzept ist für Stiermann die Entsprechung, die die künstlerische Idee in ihrer tatsächli- chen Umsetzung erfährt. Und: Der Spaß des Künstlers an der Beobachtung der Reaktionen seines Publikums.

Stiermanns Vorliebe und Ideenreichtum in der Verwendung von Fertigprodukten zeigt stellvertretend der Trinkhalm, ein von ihm favorisierter ‚Werkstoff’, den er bereits im eingangs erwähnten Video einsetzte, und den er seither immer wieder als künstlerischen Rohstoff in verschiedenen Kontexten heranzog. So baute er im Jahr 2000 einen Fahrradaufsatz, den er einer wuchernden Bienen- wabe ähnlich als absurden Überbau vom Gepäckträger über den Fahrer hinweg bis zum Lenker reichend stülpte, um anschließend mit diesem seltsamen Gefährt durch die Innenstadt Wiens zu radeln. Das Fahrrad wurde seither in verschiedenen Versionen weiter entwickelt. In Scratch Machine (2004) übernehmen die auf zwei Tonarme von Plattenspielern aufgesetzten Trinkhalm-Konstruk- tionen die Funktion des DJ’s, indem sie, bei jeder Umdrehung sich ineinander verkeilend und wieder lösend die Nadel des Spielers, auf dem die Schallplatte liegt, über das Vinyl kratzen lassen.

Die nun im Höhmannhaus vorgestellte und eigens für die dortige Situation entwickelte Raumarbeit Ikosidodekaederschleuder ist in gewisser Weise eine Fortentwicklung der leichten Schwerkraftmaschine, die Stiermann bereits 2008 im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg realisiert hatte. Ähnlich wie dort geht es auch hier um Dynamik und Spannung, Berechnung und Zufall. Anstelle mehrerer Tischtennisbälle, die in dem schmissigen Rundkurs der früheren Arbeit wie Lotteriekugeln über Zahnrad, Förderband und andere Vehikel teils ruhend befördert, teils billardartig weitergespielt wurden, schickt Stiermann nun einen aus Trinkhalmen zusammengesteckten Ikosidodekaeder an den Start. ‚Volles Rohr’ geht es hier gleich zur Sache. Das ebenso luftige wie stabile Vieleck, dessen Form sich dem klassischen Fußball annähert, wird mittels eines Katapultarmes in eine Umlaufbahn durch die Galerie geschleudert. Die Reise ist abenteuerlich, man ahnt ihren Verlauf – und wartet dennoch gebannt auf ihr gutes Ende.
Die Wirkung der Skulptur Stiermanns beruht nicht zuletzt darauf, dass sie äußerst durchdacht, geradezu ingenieurartig konstruiert ist, ästhetisch jedoch nicht damit kokettiert. Dies gilt auch für die monumentale Wandzeichnung, die, direkt auf den Putz eines weiteren Raumes der Galerie aufgetragen, Formen und Elemente von Kreis, Ellipse und Umlaufbahn als eine abstrakt-strukturelle Linien-Komposition in eine stille Analogie zur Dynamik der Ikosidodekaederschleuder setzt. Bei ihr sind es jedoch nicht nur die Trinkhalme als industriell gefertigtes Billigprodukt, die erneut zu einem stabil elastischen Transportmittel zusammengesteckt verblüffende Akzente setzen – als Zwischending zwischen der Unerbittlichkeit eines maschinellen Produktionslaufbandes und der federnden Elastizität einer Hängebrücke. Auch die zu Laufwannen und Förderarmen umfunktionierten Pappkartons, die gesägten und verschraubten Hölzer, die Fahrradketten, Relais, kleinen Elektromotoren und Eisengestelle der raumgreifenden Skulptur tragen zu einem Erscheinungsbild bei, das den Charakter des technisch Experimentellen mit demjenigen des zufällig Schnodderigen paart.

Achim Stiermanns Kunstmaschine ist aufwändig und unaufgeregt zugleich. Spannung und Witz ergeben sich in ihr aus der ‚Hand- lung’, die mancher Betrachter verfolgt wie einen Krimi. Überzeugend wirkt die Arbeit auch, weil sie eine Ästhetik aufweist, die weder beschönigt noch sich selbst zu überhöhen versucht‚ sondern gerade in der Kombination und dem sichtbar die Materialgerechtigkeit akzeptierenden Gesamtentwurf ihre ganz eigene Form entwickelt. In der Spannung und Erwartung des Weges, den dabei der kleine Trinkhalmsatellit auf seiner Route durch den (Ausstellungs)Raum zu nehmen hat, fühlt man sich an Fischli/Weiss’ “Der Lauf der Dinge” oder die surrealen Kunstmaschinen von Jean Tinguely genauso erinnert, wie an frühe Physik-Lektionen in der Schule oder Erinnerungen an eigene Achterbahnfahrten. Kunst und Alltagserfahrung sind sinnfällig, humorvoll aber immer klamaukfrei zu einer spielerischen Metapher ineinandergefügt.

Dazu gehört auch die Skulptur AHA extra Alles klar, eine zusammengelegte UHU-Kleber Originalschachtel, die Stiermann in Titel und Bedienungsanleitung als assoziatives Wortspiel umwidmete („AHA extra Alles klar allseitig sorgfältig betrachten, scharf nachdenken und evtl. überlegen – fertig..“). Sowie der gemeinsam mit Florian Tremmel und Christoph Wörner frisch eingespielte Song “Ja woisch”, eine professionell produzierte, originell dialektale Männergesangsvereins- Parodie auf den eher sanft geflöteten 80er Jahre-Hit ‚Voyage Voyage’.

Achim Stiermanns Ausstellung im Höhmannhaus ist ein Gesamtkunstwerk ohne Pathos, das einen höchst originellen Querschnitt durch und Ausblick in sein nach vorn hin offenes Oeuvre darstellt. Ein Projekt, das, bei allem Spaß, der sich bei seiner Betrachtung ohne Zweifel einstellt, auch zum Nachdenken anregt über gesellschaftliche Wünsche und Ansprüche nach Leistung und Perfektion auf der einen, und der bei aller Planbarkeit immer unvorhersehbaren ‚Fehlerhaftigkeit’ des tatsächlichen Lebens auf der anderen Seite. Stiermann macht genau dieses Spannungsfeld zum Zentrum seiner künstlerischen Arbeit und würdigt dabei kreative Arbeit und kreativen Zufall in immer wieder neuen, überraschenden Wendungen. Und in der größtmöglichen künstlerischen Intensität. Volles Rohr eben.

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